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Der Schluck vor der OP (2003-08-01) Pubdate: 31.07.03 Source: Die Zeit Contact: www.zeit.de/statisches/kontakt/kontakt.jsp Copyright: © Website: www.zeit.de Online: www.zeit.de/2003/32/M-Sucht_8arzte arztberuf Der Schluck vor der OP Mediziner nehmen häufiger Drogen als andere Berufsgruppen. Sie glauben, die Sucht im Griff zu haben. Darum bleibt ihre Abhängigkeit oft lange unbemerkt, ihr Weg zur Therapie ist besonders schwierig Von Chris Löwer Anfangs war die Ärztin nur gereizt, blaffte zunächst das Personal, dann auch die Patienten an. Die Medikamenten-Bestellungen der Praxis nahmen zu, die Patientenzahlen aber ab. Die 36-jährige Internistin wurde immer unkonzentrierter, während ihr Konsum an Tranquilizern und Schmerzmitteln stieg. Die Medizinerin glaubte lange, mit sich im Reinen zu sein. Schließlich hatte sie sich früh niedergelassen, ihre Praxis lief gut. Auch ihre Rolle als Mutter von zwei Söhnen füllte sie glänzend aus. Tatsächlich aber war sie der Doppelbelastung nicht gewachsen. Sie litt unter Nervosität, Schlafstörungen, Gereiztheit. Der Griff zu den Beruhigungsmitteln lag nahe. Aus der sporadischen Selbstmedikation wurde Sucht. Die Ehe scheiterte, der Zusammenbruch folgte. Süchtige Ärzte sind ein Tabuthema. Dabei räumt die Ärztekammer Hamburg ein: “Gegenüber anderen Berufsgruppen sind Ärzte stärker suchtgefährdet.³ Die Bundesärztekammer geht davon aus, dass sieben bis acht Prozent deutscher Ärzte mindestens einmal im Leben suchtkrank werden. Das wären rund 25000 Mediziner. Gleichwohl seien Behandlungsfehler infolge der Abhängigkeit selten, behauptet die Ärztekammer. Nach anderen Schätzungen ist die Kunstfehlerquote Abhängiger 10- bis 100-mal so hoch wie unter nicht abhängigen Ärzten. Zumindest ist das Problem inzwischen so groß, dass sich erste Kliniken auf die Behandlung süchtiger Ärzte spezialisiert haben. Eins dieser Zentren hat auch die medikamentenabhängige Internistin aufgesucht, nachdem ihre Situation immer auswegloser wurde. Einem schweren Entzug folgte eine Intensivtherapie. Trotz eines kurzen Rückfalls arbeitet sie heute wieder in ihrer Praxis. Sechs Jahre bis zur Einsicht Das Glück und die Kraft, sich von der Sucht zu befreien, haben viele nicht. Nach einer US-Studie lassen sich Ärzte durchschnittlich sechs Jahre Zeit, ihre Erkrankung in Angriff zu nehmen. Bernhard Mäulen, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Villingen-Schwenningen, hat im Jahr 2000 unter 400 suchtkranken Ärzten eine Befragung durchgeführt. Gut die Hälfte der Betroffenen hing an der Flasche, ein Drittel war in eine Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten geraten, und der Rest griff zu Betäubungsmitteln oder gar einem Mix aus Alkohol, Drogen und Medikamenten. Damit sind Mediziner statistisch gesehen doppelt so häufig medikamentenabhängig wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Eine Rolle spielt sicher der leichte Zugriff auf Medikamente, aber auch der unverbrüchliche Glaube daran, die Dosis im Griff zu haben. Die Folge ist eine schleichende Abhängigkeit. Wer etwa Opiate spritzt, geht euphorisiert und konzentriert an die Arbeit. Zumindest so lange, wie das Mittel nicht zum Dauerbegleiter wird. Typisch ist, dass suchtkranke Mediziner lange nicht auffällig werden, sei es, weil sie kontrollierter mit den Aufputschmitteln umgehen, Kollegen ihre Fehler ausbügeln oder niemand wagt, den Halbgott in Weiß darauf anzusprechen. “Erstaunlich ist, wie lange das funktioniert. Für viele ist Alkohol der Treibstoff, der sie präziser arbeiten lässt, weil sie ohne gar nicht mehr können³, sagt Edda Gottschaldt, Chefärztin der Oberbergklinik im Weserbergland, die sich wie die Partnerzentren im Schwarzwald und in der Nähe von Berlin auf die Behandlung von süchtigen Ärzten und Führungskräften spezialisiert hat. So verwundert es nicht, dass der typische Arztpatient 45 Jahre alt ist und sich erst nach einem gravierenden Vorfall in Behandlung begibt. Viele plagen Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle, Leistungsstress, lange Arbeitszeiten, große Verantwortung, wirtschaftliche Zwänge. Ein Spagat zwischen rationaler und emotionaler Höchstleistung. Ein eher funktional geprägtes Menschenverständnis verführt zu der Überzeugung, dass alles heilbar ist. So meldeten sich nach einem Aufruf über die Ärztekammer Hamburg mit dem Angebot, Betroffenen diskret zu helfen, nur eine Hand voll. “Die wenigen, die sich angesprochen fühlen, sind Ärzte, die von weiter her kommen und hier den Schutz der Anonymität suchen³, sagt die Psychologin Birgit Knuschke, Leiterin der Suchtberatungsstelle Wedel bei Hamburg, “trotzdem wird in den seltensten Fällen Kontakt zu uns gehalten. Viele tauchen wieder ab, weil sie glauben, es selbst zu schaffen.³ Selbsteinsicht und Therapiemotivation seien kaum vorhanden. Hinzu kommt, dass die Angst groß ist, die Approbation zu verlieren oder die mühsam aufgebaute Praxis für Wochen zu verlassen. Und das Risiko, nach einem Outing von Kollegen, die vorher vielleicht noch weggesehen haben, nicht nur geschnitten, sondern bei der Ärztekammer gemeldet zu werden, ist hoch. Allein schon aus deren Verantwortung den Patienten gegenüber. Obwohl alle die Arbeitsbedingungen und ihre möglichen Folgen kennen, ist eben irgendwann Schluss mit missverstandener Kollegialität. Welche Spuren der Schleifer-Alltag vieler Ärzte hinterlässt, belegt eine Studie über die Lebensqualität und Suchtgefährdung von Medizinern. Christian Reimer von der Gießener Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie stellt eine direkte Verbindung von beruflicher Belastung, der als schlecht empfundenen Lebensqualität und einem problematischen Verhältnis zur Suchtgefährdung her. Depression und latente Suizidgefahr wurden offenbar, als erstaunlich viele die Frage “Möchten Sie manchmal einschlafen und nicht wieder aufwachen?³ bejahten. Ein 53-jähriger Arzt gibt resigniert zu Protokoll: “Leide seit über 25 Jahren unter schweren Ein- und Durchschlafstörungen, habe mich damit abgefunden.³ Nur die Hälfte der Befragten würde noch einmal als Arzt arbeiten wollen. In der Therapie trifft man Kollegen Treten abhängige Ärzte tatsächlich eine Therapie an, ist die größte Schwierigkeit der innere Rollenkonflikt. Der Helfer wird zum Hilfsbedürftigen, der Experte zum Patienten. Eine für Ärzte ungewohnte Rolle, die eine intellektuelle Abwehr geradezu provoziert. “Dies begünstigt ein Ausweichen, ein sich Einbilden, dass ihre Abhängigkeit weniger schlimm als die der anderen sei, was zu gefährlichen Rückfällen führen kann³, sagt der Psychiater Bernhard Mäulen. “Ärzte sollten immer möglichst mit anderen Ärzten oder vergleichbaren Berufen zusammen behandelt werden. Dadurch wird ein Sonderstatus vermieden.³ Frühzeitig sollte der Suchttherapeut die Schwierigkeiten der Doppelrolle Arzt und Patient ansprechen, fordert Mäulen. “In der Therapie sollte es keine Erleichterungen, keine Befreiung von Screenings und anderen Kontrollen geben. Das verlangt ein großes Stehvermögen vom Behandlungsteam³, meint der Experte, schließlich zeige die Erfahrung, “dass Selbstmedikation, Täuschungsmanöver sowie das Einschmuggeln von Suchtstoffen in die Klinik bei Ärzten genauso vorkommen wie bei anderen Abhängigen.³ Es ist schwer, zunächst den Glauben an die selbsttherapeutische Kraft zu brechen. “Wenn der Körper entgiftet ist, ist das Gehirn noch lange nicht nüchtern³, sagt Gottschaldt. An ihren drei Suchtkliniken wird dem diffizilen Sonderstatus von Ärzten Rechnung getragen. Man trifft gewissermaßen auf Kollegen. So begegneten sich tatsächlich schon einmal Oberarzt und Arzt zufällig in einer Therapiegruppe, erzählt die Klinikchefin. Das, was Kassen nicht leisten, bieten die Häuser für Privatpatienten und Selbstzahler. Ein Tagessatz kostet 370 bis 400 Euro. Sechs bis acht Wochen dauert die Intensiv-Therapie, während ein Suchtpatient für eine konventionelle Behandlung etwa drei bis sechs Monate benötigt. Gerade die intensive Behandlung soll die Schwelle senken, sich in fremde Hände zu begeben. Allerdings ist die Therapie harte Arbeit: Nach Entgiftung und Entwöhnung, die bereits von einem Psychotherapeuten begleitet werden, müssen die Patienten täglich sechs bis sieben Therapiestunden absolvieren auch an Sonn- und Feiertagen. Erst dann wirkt die Verhaltenstherapie, durch die der Griff zu Flasche oder Pillenschachtel dauerhaft vermieden werden soll. “Jemand, der gesund werden will, vergeudet keine Zeit³, bescheidet die Chefärztin knapp. Die Arbeit wird ihr nicht ausgehen. “Wenn sich die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern, Ärztemangel, politischer und wirtschaftlicher Druck zunehmen, ist zu befürchten, dass die Abhängigkeit bei Ärzten noch stärker wird³, ist sich Gottschaldt sicher. Sie wünscht sich einen Bewusstseinswandel, der Süchte wirklich als Krankheit anerkennt: “Ein Herzinfarkt gilt unter Ärzten als Ritterschlag des Tüchtigen, eine Abhängigkeit aber wird verschwiegen.³ (c) DIE ZEIT 31.07.2003 Nr.32 |