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Pharma Rentner

von Werner Pieper

(a work-in-progress – eines Tages wird daraus wahrscheinlich ein Buch. Verschiedene Fassungen des Textes wurden in Transatlantik, der Hanfpresse und als Kapitel in dem holländischen Buch ‚Psychedelische Perspectieven‘ von Hans Plomp herausgegeben, hier unter dem Titel ‚Drugsvrijheid voor Pensioengerechtigden‘.)

Grossmutter, warum siehst du so bekifft aus ...?

Vom psychedelischen Generationenvertrag über Legalize it für Rentner bis zum trippigen Übergang

Werner Pieper

Der bislang nicht eingelöste Generationenvertrag

Es gab einmal eine Zeit, in der jugendliche Psychonauten keine erfahrene Ansprechpartner hatten; die Väter hatten ihre Blüte an der Front verbracht .... we had no experience but our own. But what about kids today? Beim Kongress des Europäischen Collegiums für Bewußtseinsforschung (ECBS) ‘99 in Basel warf der junge Olaf aus Bremen uns Älteren vor, wir hätten den psychdelischen Generationen-Vertrag nicht erfüllt. Angesichts der vielen Hippies der 60er sei es doch erstaunlich, wie wenige Erwachsene ihr damals erworbenes Wissen heute der Jugend weiterzugeben gewillt wären. Und auf die Alk-Riten der Alten haben immer weniger Jugendliche Bock. Eine konstruktive Rauschkultur hat das Abendland, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern (noch) nicht zu bieten

Der Heidelberger Psychologe Verres meint dazu: ”Es gibt unter uns in der Generation der jetzt 50-jährigen, das ist die gegenwärtige Elterngeneration, einen enormen gesellschaftlichen Wissensvorrat zur Frage, wie man vernünftig und gefahrlos mit psychoaktiven Substanzen umgehen kann. Die meisten Menschen, die vor 30 Jahren als Hippies aufgefallen sind, haben mit diesen Drogen aufgehört oder sie nehmen – dazu gibt es etliche empirische Untersuchungen – vielleicht noch einmal im Jahr eine psychedelische Dosis, das heißt, sie wissen ganz genau, wie man aufhört. Dieses Wissen sollten wir verstärkt nutzen. Es wird unangemessen vereinfacht und mit stereotypen Denkschablonen argumentiert. Auch die Drogenbeauftragten in Schulen sind nach meiner Kenntnis unzureichend informiert. Aus meiner Sicht scheint mir eine wichtige Orientierungshilfe zum Umgang mit Drogengebrauch bzw. -mißbrauch darin zu liegen, verstärkt Vorbilder zu beachten, nämlich solche Menschen, die in der Lage sind, gefahrlos und verantwortungsvoll mit veränderten Bewußtseinszuständen umzugehen”. Dabei ist es wahrlich an der Zeit, daß ‘Just say no!’ durch ein ‘Just say know!’ zu ersetzen. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es verschiedene Ansätze, aber unter den Adolfs war bestenfalls Speed angesagt, zur Leistungsförderung im Vaterland und an der Front. Und ‘Speed kills’, wie wir inzwischen wissen.

Karl Ziegler, später erfolgreicher Nationaltrainer der Radfahrer (Junkermann, Altig, Thurau), erzählte mir von seinen Pervitinerlebnissen an der Front. Der heute etwa Achtzigjährige fährt jeden Tag noch über 100km auf dem Fahrrad und brachte mir, quasi als Fahrradkurier, einen Text vorbei, den er vor Jahren als Mitglied im Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports geschrieben hatte: ”... Der Rausch des Kampfes, der Liebe und der Rhetorik, die Ekstase der religiösen Rückverbindung zu den Göttern wurde vermehrt durch die Entdeckung von Halluzinationen und Träumen, die nach dem Genuß von Meskalin, Peyote oder der Tollkirsche einen unserer Ur-Ur-Ahnen überwältigten. Rasch wure daraus ein Kult. Die Euphorie ist eine elementare Macht, die den Menschen durch seine Geschichte begleitet hat wie die Kunst, Musik und in neuerer Zeit der Sport. Sich wandelnd, lockend, sanft, brutal, erregend, Glücksgefühl oder Munterkeit spendend, entspannend, einschläfernd und schmerzentwaffnend. Ein Begleiter, der sich immer anbietet und anpaßt. Fasst alle Großen dieser Erde kannten den Rausch in seiner vielgestaltigen Form und seine enthemmende Macht.

Nur wenige werden von den Genußgiften Kaffe, Tee, Tabak und Alkohol übergangen, und es ist nicht sicher, daß sie die Glücklichsten sind. Der Mensch braucht gelegentlich die Befreiung aus dem Eingesperrtsein, dem Ichbewußtsein, das ihn vom Tier unterscheidet. Sei es nun in seiner Phantasie, im Traum oder im Rausche, der auch ein kalter Rausch sein kann, d.h. ohne Verlust des Gleichgewichts, wie er bei übermäßigem Alkoholkonsum auftritt. Ein Ventil braucht jeder Mensch, es sorgt dafür, daß alles wieder ins rechte Lot kommt”.

Legalize it! für Rentner

Seit 30 Jahren fordert die jeweilige Jugend: Legalize it! Vor allem die Christ(demokrat)en halten verbissen am Verbot von einigen pflanzlichen Ablegern aus Gottes Schöpfung fest. Der heutige Außenminister Fischer äußerte angesichts der Alkoholikerschwemme im Bundestag schon 1984 (!) die Hoffnung, daß eines Tages eine streßfreiere Pflanzendroge diesen Drogenmißbrauch ablösen werde. Aber nach seinem Aufstieg auf der Leiter der Macht und spätestens seit seiner Audienze beim Papst stehen die Chancen auf Umsetzung seiner jugendlichen Einsicht wohl nicht mehr so gut. Welcher Politiker mit Macht wird der nach Freiheit und Unabhängigkeit lechzenden Jugend schon solche Träume erfüllen? Und wenn demnächst auch noch das disziplinarische Korrektiv Bundeswehr bzw. Wehrpflicht wegfällt, wie soll aus der Jugend dann noch ein staatsgläubiges- und tragendes Wesen werden?

Ich denke, es ist produktiver, den psychoaktiven Gaul von der anderen (Zeit-)Seite aufzuzäumen: Hiermit fordere ich Drogenfreiheit für Rentner. Wir haben ein fiskalischs Rentenproblem. Wenn aber die Rentner schon weniger Geld erhalten, warum sollte man ihnen stattdessen nicht mehr Freiheiten zugestehen? Statt Suff, Valium und Frust bis zum Ende wäre eine legale Möglichkeit der Bewußtseins-erweiterung, oder auch nur einer Bewußtseinsveränderung eine realistische Möglichkeit, einigen Älteren nach Beendigung des Berufslebens mit Hilfe pychoaktiver Substanzen die Chance einer deftigen Steigerung der Lebensqualität zu verhelfen. Es ist eine Tatsache, daß Menschen die erstmals psychedelische Drogen nehmen um so mehr davon profitieren, um so älter und lebenserfahrener sie sind. Louis Armstrong hat nicht nur bis ins hohe Alter wunderbar Trompete gespielt, sondern er war auch über Jahrzehnte ein offensiver Kiffer: ”Mann, Marijuana gibt dir einfach ein gutes Gefühl, es relaxt dich, läßt dich all die üblen Dinge vergessen ... Es ist doch mehr eine Medizin als eine Droge. Gegen den öffentlichen Aufstand der dagegen geschürt wird, kann man leider nichts ausrichten. All die Vipers (Kiffer) aus meiner Zeit sind inzwischen so alt, daß man denen so drastische Knaststrafen nicht zumuten kann. Also halten wir unsern Mund. Trotzdem: selbst wenn wir so alt wie Methusalem werden, wird in unserer Erinnerung das Kiffen immer warme und schöne Gedanken hervorrufen. Mary Warner, Honey, du warst in der Tat gut zu mir und ich hatte meine wahre Freude an dir ...”

Angesichts der Trostlosigkeit des Vegetierens tattriger Pharmagreise in den meisten Altersheimen muß man doch bei dem Gedanken an lebensfrohe, neugierige, newageige Alte mit einer Privatplantage auf Balkonien schmunzeln. Zumindest, wenn man nicht in der Pharmaindustrie arbeitet. Und es ergäbe sich noch ein Nebeneffekt: so manche Großeltern könnten sich bei ihren Enkeln nachhaltig beliebt machen, indem sie ihre Erfahrungen mit den Kids teilen ....

Der schweizer Psychoanalytiker Paul Parin (83) stellt folgenden, seinem Alter angemessenen Tagesplan auf: “Der Tag beginnt mit einer Dosis Speed, um ganz wach zu werden, und dem Glas Wasser mit einer großen Dosis Vitamin C, zusätzlich etwa ein Aluminiumhydroxid, sofern der Magen wegen Überlastung drücken sollte, und ein schleimlösendes Mittel, um die Bronchien freizukriegen. Dazu eine Tablette mit Verdauungsenzym zur Anregung des Darmes. Das genügt, um nach dem Frühstück das Labor zu besuchen. Die Lektüre der Post und der eingetroffenen Publikationen mag verstimmen. Bevor sich depressive Gedanken einstellen, eine genügende Dosis Morphium oder Heroin, zusätzlich ein Anabolikum, das den Appetit für das Mittagessen erfreulich anregt. Der Espresso begleitet die Unterhaltung mit Besuchern. Danach meist ein Glas Rotwein, das der Schläfrigkeit für die Siesta zum Durchbruch verhilft. Beim Erwachen um halb fünf allerdings ist am besten eine Dosis Kokain - gegen Abend kein Speed! -, damit die nun folgende geistige Arbeit gut in Gang kommt. Das sind die kreativsten Stunden. Ist die Arbeit gut vorangekommen, braucht es für den Abend keine weitere Hilfe. Will sich das zur Entspannung nötige Wohlbefinden nicht einstellen, hilft am besten wieder ein Opiat. Dann Gäste, Kino, Theater oder Lektüre, bis es Zeit ist, mit einem rasch wirkenden, gut ausscheidbarem Barbiturat die Nachtruhe einzuleiten, nicht ohne die tägliche Dosis von Acidum salicylicum zur Vermeidung von Blutgerinseln in den Gefäßen und einer Dosis Magnesium gegen das Auftreten nächtlicher Wadenkrämpfe.”

Parin hat als Psychotherapeut Jahrzehnte in Afrika geforscht und gelebt. So berichtet er aus eigener Erfahrung über die Drogensituation der Alten im traditionellen Mali: ”Je mehr das Alter, der Verlust der Zähne, die allgemeine Hinfälligkeit sich bemerkbar machen, desto mehr wird die übliche Nahrung durch den Genuß von Hirsebier ersetzt, das reich an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen ist. Für viele Alte ist dieses Bier die einzige Nahrung, hält sie lebendig, verleiht ihnen Spannkraft und versetzt sie vor allem in beste Stimmung. Das ist wichtig. Denn was die Ältesten im Rat des Dorfes äußern, zu praktischen oder spirituellen Problemen, zu Konflikten oder gar zu Streitigkeiten, von denen die Harmonie des Zusammenlebens bedroht wäre, das hat großes Gewicht. Man muß dafür sorgen, daß sie nur frisch gebrautes Bier erhalten. Täglich ist eine kleine Schar junger Mädchen an einem Schattenplatz nahe der luftigen Ratsveranda mit Töpfen und Kesseln beim lustigen Geschäft des Bierbrauens. Von Zeit zu Zeit nähert sich eine von ihnen mit einer kleinen Kürbisschale Bier den Alten, damit sie mit Nicken oder Kopfschütteln kundgeben, ob der Saft den erwünschten Grad der Reife erreicht hat. Die alten Genießer sind ständig in einem sanften Rausch befangen. Das hält si ebei Laune und löst ihre Zunge ... ”Vor allem kommt es darauf an, daß unsere verehrten Alten sich trotz der Beschwernisse des Alters wohlfühlen”, sagen die klugen Dogon. ”Ein Dorf, in dem der nährende Trank sie bei Laune hält, ist ein glückliches Dorf.”1


Psychedelische und andere Drogen im Alter

Dürfen Drogen, die als schlimmste Feinde der Jugend hochstilisiert wurden, den Alten als Mittel(chen) zur Zufriedenheit und zum Glück dienen? Erlaubt, und für manchen Berufszweig sehr einträglich, sind körperliche Reparaturen: dritte Zähne, neue Gelenke, Brillen, Gehhilfen, Viagra, ausgetauschte Innereien, seien sie nun von Toten gespendet oder künstlich hergestellt - aber darf sich so ein geflickter Alter auch noch wirklich wohlfühlen? Wie lange noch machen wir unseren Pillenkonsum vom Wohlwollen der industriehörigen Profis abhängig? Medikamente werden uns von Weißkitteln verschrieben, als seien wir kleine Kinder.

Die Doktoren hängen an ihrem Monopol der verschreibungspflichtigen Medikamente, und tun so, als ob wir alle zu dumm wären, uns selbst zu behandeln. Dabei ist ein Großteil der Drogenabhängigkeiten durch die modernen Mediziner eingeführt worden. Die Morphinsucht kam nicht trotz, sondern durch die Mediziner zur Welt. Und ein Großteil der süchtigen Fixer der VorHippiezeit waren Ärzte. Sie wußten schon, was heute in der Öffentlichkeit niemand sagen oder glauben will: Heroin ist nicht ungesund. OK, es macht süchtig, aber tödlich wird es erst durch die Gesetzgebung. Die englische Zeitung The Guardian hat gerade (14./15. Juni 2001) eine mehrseitige Analyse zum Thema veröffentlicht. Bis Anfang der 70er konnte sich ein Junkie seinen Stoff problemlos beim Arzt besorgen. Damals gab es 500 Süchtige im Land. Dann kam das Verbot und heute schätzt man die Zahl der Süchtigen auf 500.000. Der Schwarzmarkt boomt und tötet. Fixer sterben seltenst durch die Droge, sondern wegen der Folgen ihrer Illegalität. Und selbst das vom Staat als Ersatz verschriebene Methadon, übrigens einer Erfindung der Nazis, ist viermal tödlicher als Heroin.

Natürlich sollten Drogen angemessene Hinweise und Warnungen enthalten, z.B. wenn sie sich nicht mit Alkohol oder anderen Substanzen vertragen. Oder bei real vorhandenen Herz- oder Leberproblemen selbige verstärken können. Immerhin dürfen wir auch ohne eine Verschreibungspflicht Alkohol, Pflanzenvernichtungsmittel, einen Skiurlaub oder Bungeespringen buchen - oder gar ein Auto kaufen, alles Substanzen oder Aktivitäten, die lebensgefährlicher als viele der illegalen psychoaktiven Substanzen sind. Und mit der Grenzenlosigkeit des Internets wird jede Verschreibungspflicht allemal Makulatur, d.h. industrielle Psychopharmaka werden frei verfügbar sein. Happy daze.

Natürlich kann man solche mitunter machtvollen Substanzen nicht von heute auf morgen freigeben, so ein Schritt will gut vorbereitet sein. Stufenweise Aufklärung von erfahrenen Psychonauten (um das Wort ‘Fachleute’ zu vermeiden) in den Medien wäre ebenso angesagt wie zur Einführung eine Art psychedelischer Fahrschule. Und sicherlich wäre dieser psychoaktive Weg auch nicht der optimale für alle Rentner, aber doch für viele. Es geht nicht darum, alle Altersheime hinter einer Cannabiswolke verschwinden zu lassen, sondern um das Recht des Einzelnen, nach der Zeit der Pflicht als gestandener Bürger auch die Kür oder anschließend sogar das Schaulaufen zu geniessen: im Alter nicht nur Freie Fahrt bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern auch im eigenen Kopf genehmigt zu bekommen.

Recht auf Selbstmedikation

So lange dies noch ein Wunschtraum ist, steht auf jeden Fall eine Legalisierung für Kranke an und eine Lockerung der Opiatabgabe an Schmerzkranke.

"Meinem Gefühl nach hat jeder Mensch das Recht auf Selbstmedikation. Unser Gehirn und unser Körper weiß oft besser was sie brauchen, als medizisches Fachpersonal oder polizeiliche Autoritäten. Vor allem, wenn wir sterben. Was können diese Drogen schon groß anrichten - mich killen? Eine der traurigsten und zugleich sadistischsten Auswirkungen des verrückten 'war-on-drugs' in Amerika ist der Fakt, daß Mediziner sich weigern, leidenden und sterbenden Menschen schmerzstillende Opiate zu verschreiben. Mein Gott. Du willst auf deine alten Tage doch nicht noch, in deinen letzten zwei Wochen die du zu leben hast, ein Morpiumsüchtiger werden, oder?" So schilderte Tim Leary, der gegen sein Lebensende gegen Schmerzen vor allem Lachgas favorisierte, seine Erfahrungen in dem Buch ‘Design for Dying’. Nur Stunden, nachdem er ankündigte: ”Dies ist mein letzter Ballon Lachgas”, sah er das ewige Licht.

Ein Problem für potenzielle ältere Cannabisraucher könnte das Rauchen sein. Rauchen ist immer schädlich. Aber auch hier gibt es Lösungen. Ein Beispiel: die aktuelle Entwicklung des Aromed-Vaporizers ermöglicht es vielen Alten, psychoaktive Wirkstoffe ohne gesundheitsschädliche Nebenwirkungen wie Rauch etc zu inhalieren. Kein triefendes Gesicht über der Heißwasserschüssel mehr; einfach den coolen Vapor mit den aktiven Stoffen der Pflanzen bronchenschonend aufnehmen. Und dem Vaporizer ist es gleich, ob man Pfefferminze, Salbei oder Cannabis inhaliert.

Die Abneigung der Ärzte, Morphium zu verschreiben, geht auf eine Dreifaltigkeit sich hartnäckig in den Köpfen haltender Mythen zurück: daß nämlich Morphium - als Schmerzmittel angewandt - suchterzeugend sei. Daß die Dosis darüberhinaus ständig erhöht werden müsse, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Und schließlich, daß ein Betäubungsmittel, zur Schmerzlinderung verabreicht, früher zum Tode führen könnte. Der Umstand, daß diese Mythen seit langer Zeit als wissenschaftlicher Unsinn entlarvt worden sind, ändert jedoch nichts an der vorherrschenden Einstellung der Ärzte, des Pflegepersonals, der Behörden - aber auch der Patienten selbst. ”Es spielt kaum eine Rolle, ob ein Mensch, der mit einem Bein im Grabe steht, süchtig wird oder nicht“, meint Mike Harmer, Lehrprofessor für Anaesthesie an der medizinischen Fakultät der University of Wales. ”Aber selbst wenn - dieses Risiko muß von unserer Seite als praktisch nichtexistent betrachtet werden. Manchmal verabreichen wir unseren Patienten, die extreme Schmerzen haben, das Sechzig- oder Siebzigfache der üblichen Dosis. Klingen die Schmerzen dann ab, so weist der Patient die nächste Dosis, die Sie ihm anbieten, zurück und geht auf sein Zimmer - und das war’s dann”.

”Wenn es um Opiate geht, fragen Sie besser nicht ihren Arzt oder Apotheker” Dieses Zitat des Münchener Schmerzforschers Prof. Zieglgänsberger vom Max Planck Institut für Psychiatrie fand ich in Die Zeit vom 2.April 1998. ”Rund 650.000 Menschen benötigen hierzulande stark wirkende Opiode, doch nur etwa 10.000 bekommen sie tatsächlich auch verordnet.”

Sakrament fürs irdische Good-bye

Millionen trinken sich zu Tode, wohl auch aus Angst vor demselben. Oder, in den vorletzten Worten des kürzlich verstorbenen Enthnopharmakologen und Pilzfreundes Terence McKenna: ”Die Angst vor dem Sterben ist die Angst, nicht gelebt zu haben”.

Im April 2000 fragte die Welt am Sonntag Justizministerin Däubler-Gmelin, ob für ein würdevolles Sterben des kranken Menschen das Betäubungsmittelgesetz geändert werden müsse. Däubler-Gmelin: ”Das Sterben ist der letzte Abschnitt unseres Lebens. Jeder Mensch sollte gerade diese Phase in Würde und ohne Schmerzen durchschreiten können ... Die Schmerzmedizin kann entscheidend helfen - natürlich darf unser Betäubungsmittelgesetz dem nicht entgegenstehen.” Sollte ... kann ...& das Gesetz steht, wie die offizielle öffentliche Meinung, entgegen, ganz nach dem Motto: ‘Vor dem Gesetz sind alle gleich, sagen die, die dahinter stehen’.2

Der Bewußtseinsabenteurer Tim Leary hat bis zu seinem Tode ein volles psychoaktives Leben geführt und uns zu seinem Ende hin eine neue Art des Sterbens vorgelebt: Party bis zum Ende im Kreise von Freunden und Verwandten. ‘Dying is a team sport’, so einer seiner Sprüche. ”Bedenke, mein Freund, ein würdiger Tod, sterben in Anmut. Es ist wundervoll, soetwas erleben zu dürfen. Ich rede davon, meinen Tod als eine Abschlußfeier eines wundervollen Lebens zu orchestrieren, zu managen und dabei selber die Regie zu führen. Das bewegt eine Menge Menschen. Viele erzählen mir, daß z. B. ihr Vater das Leben satt hatte und nur noch sterben wollte. Unbegreiflich. Man hat doch wahrscheinlich nur ein Leben als Mensch. Das sollte man doch ausschöpfen.” Einige Wochen nach seinem Tod erhielten Freunde eMails von ihm: ”Hallo! Wie geht’s? Mir geht es hier OK, aber es ist anders als erwartet. Überfüllt. In Liebe, Timothy”.

Nina Hagen visionierte schon vor vielen Jahren eine Re-Union von Jung & Alt durch MDMA - Erich und Nini in Exstasy: “Ich erzählte Erich Honecker von der wundervollen Wirkung von Ecstasy! Er war so gut drauf, daß er es gleich probieren wollte. Zum göttlichen Glück hatte ich ein Ticket dabei, und dann ging die große Reise los. Erich und Nini in Ecstasy! ... Erich war voll in Fahrt! Wir waren wirklich echt verliebt. Jetzt hatte ich ihn endlich so weit, und in den frühen Morgenstunden pfiffen wir noch jeder einen halben LSD-Trip ein .. Wir simulierten den Sterbevorgang und trafen Sri Krsna ....” Schließ einfach für 60 Sekunden deine Augen und versuche dir vorzustellen, welche Konsequenzen ein solcher Ecstasytrip im Jahr 1988 gehabt haben könnte ...

Sehr konsequent der Übergang von Aldous Huxley. Seine Frau Laura antwortete auf die Frage: Was glaubst du, welchen Einfluß das LSD, um das Aldous dich bat, als er im Sterben lag, den Sterbeprozeß beeinflußt hat? “Es verlief sanft. Er bat mich darum und er wußte genau, was er tat. Ich bin davon überzeugt, daß es ihm das Sterben sehr erleichtert hat. Das bedeutet keinesfalls, daß es jedem helfen würde. Bitte erinnere dich daran, daß dies der Schritt eines einzelnen Menschen war - einer Person, die sich lebenslang auf diesen Augenblick vorbereitet hatte. Seine Bitte kam genau getimed, sechs Stunden vor seinem Tod. Er bat um einen großen Bogen Papier, ihm war wohl klar, daß er nicht mehr klein schreiben konnte. Dann schrieb er sein eigenes Rezept: ‘versuche LSD 100 mm intramuskulär’. Während der Woche hatte ich mehrfach daran gedacht, sowas zu erwähnen. So war ich gespannt, wann er mich darum bitten würde.

Es geschah erst in jenem Moment, etwa um 11 Uhr. Er starb dann um 5 Uhr.”

Peace in the end.


Werner Pieper (*1948), 1969-76 Dealer, macht sich manchmal Gedanken und für andere Bücher.

- Highdelberg, zur Kulturgeschichte der Genussmittel und Drogen in einer berauschenden Stadt; Edition RauschKunde, Löhrbach 2000

- 1000 Jahre Musik & Zensur in den diversen Deutschlands; Der Grüne Zweig 209, Löhrbach 2001

- als nächstes, wahrscheinlich zweibändig: Nazis on Speed - Drogen im 3. Reich; Edition RauschKunde, Löhrbach 2001/2

1) Paul Parin: Weise Pharma-Greise; in Kursbuch

2) WamS, 23.4.2000

Kontakt: Pieper@gruenekraft oder

The Grüne Kraft, Alte Schmiede, 69488 Löhrbach

Ergänzungen und Meinungen zum vorstehenden Text sind dem Autor willkommen.

Zugaben

Ivan Illich, taz 30.7.01

Der Gesellschaftskritiker Ivan Illich führt wirklich radikal vor, daß man sich diagnostizierte Krankheiten vom Leib halten kann, in seinem Fall sogar terminalen Krebs: ”Medizinische Ideologie hat eine absolut lähmende Wirkung auf die Lebenskraft des Einzelnen, das muss man sich vom Leibe halten, davon darf nichts in Herz hinein.” 1983 wurde bei ihm von einem bedeutenden Krebsspezialisten ein Krebsgeschwür diagnostitziert, er habe noch eine Überlebenschance von fünf Jahren. ”Mein Todesurteil. Meine Güte, da war ich 57 Jahre alt, da sollte ich auf einmal sterben? Wenn ich mich an diese moderne Denkart halte ... nein! Keine Oprration. Ich habe nie in einem medizinischen Fachbuch nachgeschlagen - ich war in Versuchung, ja, habe ihr aber widerstanden ... 1986 wurde es dann ernst. Der Schmerz ist überraschend zudringlich. Mit Nervenschmerzen umzugehen ist gar nicht leicht.Zu der Zeit habe ich ein Vierteljahr in Pakistan verbracht und mit dem Leiter der Islamischen Ärzteschaft viel diskutiert, auch darüber, daß die galenische medizinische Tradition es nicht erlaubt, gegen den Tod zu kämpfen. Und ich redete auch von mir,. ließ mir den Puls nehmen. Er sagte, da gibt es nur Ergebung. Das Wort bedeutet zugleich ja Zuneigung, Hinneigung. Und er sagte, wenn Sie nicht mehr schlafen, nicht mehr denken können vor Schmerz, dann ganz wenig Opium. Ich bekomme Opium verschrieben vom Arzt, in Tropfenform, die Wirkung ist minderwertig, es liegt vielleicht auch an der Reinigung. Deshalb begehe ich das VERBRECHEN, Opium zu rauchen! Wenn ich ordentliches Opium bekommen kann, dann nehme ich ordentliches Opium. Aber meine Notration Tropfen und mein Rezept habe ich natürlich immer bei mir ... Schon seit dreißig Jahren plädiere ich für die Tilgung aller Paragraphen die Drogenkonsum, Abtreibung und unzünftiges Heilen reglementieren. Ich bin für die Entkriminalisierung der Selbstbeschädigung ... Es gibt nicht nur das Definitionsmonopol der Medizin für Gesundheit respektive Krankheit, es wurden auch die MIttel monopolisiert, die es jedem erlauben, selbst mit seinem Schmerz zurechtzukommen. Das zu verhindern ist auch Teil der Drogenpolitik ... Das ist ungeheuerlich! Das Argumentg ist immer die Sucht. Aber ich nehm’s jetzt seit 18 Jahren. Von einer Gewöhnung würde ich kaum sprechen, schon garnicht von einer Sucht. Ich nehme nicht genug davon. Jetzt hab e ich grade für einen Monat nichts genommen, um dem, was man Schmerzen nennt, gegenüber zu stehen ...”



Hi Werner,Werner Pieper wrote:

>der Beitrag entstand vor einem Jahr, als es um die Renten ging.
>Mein Vorschlag: wenn die Renten schon knapper werden, dann sollten
>Rentner doch Chancen auf eine Verbesserung ihrer Lebensqualität haben.

Hmm, es ist doch auffällig, das das Cannabis vom BtmG mit einem voelligen verkehrsverbot belegt ist und ihm damit jeglicher medizinischer Nutzen abgesprochen wird, was offensichtlicher Unsinn ist.Ich koennte mir vorstellen, das das gesundheitssystem, rezept- und arzkostenabrechnungen, Pharmakons, Medi-care usw. ein riesiges Geschäft hierzulande darstellt und es von daher vielleicht schlecht ins gesamtkonzept passen wuerde, wenn die leute sich mit einem billigen aber gut wirksamen mittel ploetzlich laenger und besser gesundhielten ohne dass jemand daran verdient. Und wenn dann das Rentensystem noch schneller den Abflug machte, weil die Rentner ploetzlich voellig unmotiviert anfingen länger als von den Verischerungstatistiken geplant zu leben ... das könnte wohl ein bischen fuer die Volkswirtschaft sein, oder ? [;)] Mit ähnlichen Durchsetzungsproblemen duerfte die Naturheilkunde hierzulande ebenfalls zu kaempfen haben.Gruss, olivers