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VfD widerspricht Berichten über die Cannabisstudie der British Lung Foundation (BLF)


14.11.2002

Joints weniger gefährlich als Studie behauptet
VfD widerspricht Berichten über die Cannabisstudie der British Lung Foundation (BLF)

"Schon drei Joints mit reinem Cannabis richteten so viel Schaden an wie eine ganze Schachtel Zigaretten, erklärten Vertreter der "British Lung Foundation" unter Berufung auf eine neue Untersuchung", schrieb die "Freie Presse" (Sachsen) am 11. November. Auch andere Zeitungen berichteten ähnlich über die Studie der Britischen Lungenstiftung (BLF).

Der Verein für Drogenpolitik e.V. widerspricht derartigen Berichten mit folgenden sieben Thesen:

1. Die Cannabis-Studie der "British Lung Foundation" (BLF) beruht ausschliesslich auf bereits bisher bekannten Informationen
2. Die Aussagen der Studie sprechen nicht gegen eine Entkriminalisierung
3. In vielen Zeitungsartikeln wurden Inhalte der Studie verfälscht wiedergegeben
4. Mehrere umfangreichere, offizielle Studien kamen teilweise zu anderen Ergebnissen
5. Einige der Quellen der BLF-Studie sind unglaubwürdig
6. Es gibt keine Belege dafür, dass der THC-Gehalt von Cannabis auf das 15-Fache gestiegen wäre
7. Eine wirksame Reduzierung von Risiken ist nur durch Information und nicht durch Repression möglich.

Mit Sicherheit wird auf diese Studie wieder verwiesen werden, wenn über die Straffreistellung geringer Mengen Cannabis diskutiert wird. Dabei verstehen die Autoren ihre Studie selbst nicht als Argument für oder gegen eine Entkriminalisierung, da ihnen bewusst ist, dass Konsumentscheidungen bei Cannabis unabhängig vom gesetzlichen Status dieses Genussmittels getroffen werden. Ihnen geht es stattdessen um gesundheitsbewusstes Verhalten der direkt Betroffenen:
„Viele junge Menschen werden sich entscheiden, Cannabis zu verwenden oder nicht - unabhängig von seinem gesetzlichen Status. Wir haben die Pflicht, sicherzustellen, dass sie das in voller Kenntnis der Risiken tun, die mit dem Rauchen von Cannabis zusammenhängen.“
S.1, Studie im Volltext: http://www.lunguk.org/news/a_smoking_gun.pdf

Die Studie verweist auf einige bekannte Risiken, die auch von anderen Wissenschaftlern angeführt werden. So stellt sie fest, dass Cannabiskonsumenten eher an Husten und Bronchitis leiden als Nichtkonsumenten. Ob Cannabis zu Lungenemphysema führe, stehe noch nicht fest, da die Forschungsergebnisse widersprüchlich seien. Studien zu Cannabis und Krebs der Atemwege hätten ebenfalls zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt.

Andere Aussagen der BLF-Studie sind fragwürdig, so etwa die Behauptung, Ergebnisse von Langzeitstudien aus den 60er und 70er Jahren seien heute nicht mehr aussagekräftig, weil der Wirkstoffgehalt von Cannabiszigaretten seitdem um das 15-fache gestiegen sei. Tatsächlich haben Experten darauf hingewiesen, dass konzentriertere Cannabisformen nicht zu einer Steigerung sondern zu einer Reduzierung der Belastung der Atemwege führen würden. So mag man es fast bedauern, dass die Behauptung einer derartigen Änderung des Wirkstoffgehalts keiner Überprüfung standhält. Die tatsächliche Veränderung war weit geringer.
Bei der BLF-Studie handelt es sich um keine klinische Studie mit neuen Ergebnissen, sondern um eine Literaturstudie. Die BLF hat also nur bestehende, teilweise schon wesentlich ältere Veröffentlichungen ausgewertet, viele davon ihrerseits Literaturstudien. Eine davon ist ein Artikel von Heather Ashton (Universität Newscastle), der voriges Jahr im British Journal of Psychiatry erschien und auf den sich mehrere Aussagen in der BLF-Studie stützen.

Die BLF-Studie beruft sich auch auf Frau Ashton, als sie behauptet, eine durchschnittliche Cannabiszigarette habe in den 60er Jahren nur 10mg des Wirkstoffs THC enthalten, während sie heute bis zu 150mg enthalte oder gar bis zu 300mg, wenn Cannabisöl verwendet werde. Verhielte es sich mit dem Wirkstoffgehalt und der Dosierung wie dargestellt, dann würde heute ein Joint für bis 15 bis 30 Personen reichen, oder aber Cannabis wäre in den 60er Jahren, als es Millionen an Anhängern gewann, fast wirkungslos gewesen. Beide Annahmen entsprechen offensichtlich nicht den Tatsachen. Frau Ashton hat für ihre Milligramm-Angaben einfach 1,5 Prozent für die 70er Jahre und 15% für heute mit einem Gramm multipliziert. Für die 60er Jahre, von denen immer die Rede ist, gibt es in den USA keine offiziellen Zahlen. In den 70er Jahren lag der übliche THC-Gehalt von Cannabiskraut in den USA, woher diese Zahlen stammen, etwa zwei bis dreimal so hoch als von Frau Ashton angesetzt, während er heute bei rund der Hälfte des von ihr genannten Wertes liegt. Durch die Ernte von weiblichen Pflanzen im unbestäubten Zustand (Sinsemilia) stieg der durchschnittliche Wirkstoffgehalt von Cannabiskraut in den USA zwischen Mitte der 70er Jahre und Mitte der 80er Jahre von 3-4% auf 6-8% an, was wieder dadurch kompensiert wurde, dass der durchschnittliche Joint von 0,5 auf 0,25g Cannabis schrumpfte. Eine Zunahme des Wirkstoffgehalts um den Faktor 15 bis 30 entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Zu berücksichtigen ist auch, dass noch bis in die 70er Jahre in den USA wesentlich wirksameres Cannabisharz aus Nepal und Afghanistan auf dem Markt war, das später fast komplett verschwand. Es handelte sich also um die Ersetzung einer wirksamen Cannabisform durch eine andere. In Europa holte erst in den 90er Jahren der Wirkstoffgehalt von Cannabiskraut zunehmend auf den von Cannabisharz auf, ohne dass es aber bisher zu einer weitgehenden Verdrängung gekommen wäre. Die inhalierte Wirkstoffmenge pro Konsumeinheit blieb dabei im wesentlichen über die Jahre konstant, weil Konsumenten die verwendete Menge Cannabiskraut an den jeweiligen Wirkstoffgehalt anpassen. So wie man Wein oder Likör nicht aus Maßkrügen trinkt, so wird auch Cannabis von höherem THC-Gehalt in kleineren Portionen dosiert, bzw. weniger Züge davon inhaliert. Mit dieser Entwicklung hat sich also die Lungenbelastung der Konsumenten verringert.

Die BLF-Studie warnt vor einer Schwächung des Immunsystems bei HIV-Infizierten, die Cannabis konsumieren. Doch die einzige dazu zitierte Studie stammt von 1985, als die HIV-Forschung noch in ihren Kinderschuhen steckte. Im Jahre 2000 fand eine von der US-Regierung unterstützte Studie von Dr. Donald Abrams (UCSF), dass Cannabis keinen schädlichen Einfluss auf das Immunsystem von HIV-Infizierten ausübte, jedoch im Vergleich zu einem Placebo eine fast doppelt so hohe Gewichtszunahme ermöglichte.
Anders als in Zeitungsüberschriften dargestellt, hat die BLF-Studie nicht generell festgestellt, 3-4 Cannabisjoints seien so schädlich wie 20 Tabakzigaretten. Diesen Zusammenhang stellten die Autoren nur für die Förderung von Bronchitis und die Reizung von Schleimhäuten her. Dr. Tashkin (UCLA), auf den sich die BLF-Studie neben Frau Ashton zu diesem Punkt beruft, hat sich ausdrücklich dagegen verwehrt, seine Ergebnisse in dieser Art zu verallgemeinern.
Die IOM-Studie der amerikanischen Regierung schätzt, dass eine Cannabis-Zigarette etwa so schädlich ist wie maximal zwei Tabakszigaretten ("Marijuana and Medicine", Seite 111, 112). Der Bericht weist darauf hin, dass Zigarettenraucher normalerweise wesentlich mehr Zigaretten rauchen als Cannabiskonsumenten:
“Given a cigarette of comparable weight, as much as four times the amount of tar can be deposited in the lungs of marijuana smokers as in the lungs of tobacco smokers. The difference is due primarily to the differences in filtration and smoking technique between tobacco and marijuana smokers. Marijuana cigarettes usually do not have filters, and marijuana smokers typically develop a larger puff volume, inhale more deeply, and hold their breath several times longer than tobacco smokers. However, a marijuana cigarette smoked recreationally typically is not packed as tightly as a tobacco cigarette, and the smokable substance is about half that in a tobacco cigarette. In addition, tobacco smokers generally smoke considerably more cigarettes per day than do marijuana smokers.” ("Marijuana and Medicine - Assessing the Science Base" / Seite 111/112)
Volltext: http://books.nap.edu/html/marimed/

Wenn das Rauchen von Cannabis tatsächlich schädlicher wäre als das Rauchen von Tabak, dann wäre das ein Argument für mehr gesundheitliche Aufklärung statt teurer Repression, die sich in den letzten drei Jahrzehnten als ungeeignet erwiesen hat, eine stetige Verbreitung des Cannabiskonsums zu verhindern. Die staatliche Gesundheitspolitik könnte mehr erreichen, wenn sie Konsumenten von besonders riskanten Konsumformen abraten würde. Würde z.B. Cannabis vorwiegend ohne Tabak konsumiert, wie in Nordamerika üblich, dann könnte das Abhängigkeitsrisiko durch Nikotin vermeiden und die Teerbelastung verringern. Weitgehend nutzlose Versuche, die THC-Aufnahme durch langes Inhalieren des Rauches zu steigern, sind in erster Linie eine Reaktion auf die hohen Preise der Schwarzmarktware und könnten durch Aufklärung vermieden werden.

Der Staat versucht durch Repression die Auswahl für Konsumenten einzuschränken, um den Konsum unattraktiv zu machen. Das hat jedoch nur zur Folge, dass Konsumenten dann auch minderwertige, wirkstoffarme Ware rauchen, die besonders lungenbelastend ist, weil dabei zur Erzielung der selben Wirkung mehr Rauch in Kauf genommen werden muss. Konsumenten könnten bessere Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen, wenn der THC-Gehalt von Cannabis auf der jeweiligen Verpackung stünde. Auch neue Konsumtechniken könnten einen Beitrag zur Schadensminimierung leisten. Verschiedene Firmen haben Vaporisierer zum rauchlosen Konsum von Cannabis entwickelt. Ihr Besitz ist im größten Cannabismarkt der Welt -- den USA -- illegal. In Großbritannien steht ein in wissenschaftlichen Studien getesteter rauchloser Inhalierer für Cannabisextrakte vor der Markteinführung, der alle beschriebenen Risiken vermeidet. Doch nichtmedizinische Konsumenten werden ihn erst dann verwenden können, wenn Cannabis wieder legal ist.

Joe Wein, Sprecher des Vereins für Drogenpolitik e.V.



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